Wenn der Gaul durchgeht ...
Sehr geehrter Herr Ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel,
in der gestrigen Sendung des Günther Jauch sagten sie, dass dem Herrn Ch. Wulff der Gaul durchgegangen sei.
Damit haben Sie bei mir eine lange verschollene Erinnerung an einen sonnigen, lau warmen Frühlingstag des Jahres 1953 wachgerufen. Mein Vater hatte am Tag zuvor angekündigt, sich beim benachbarten Bauer das Pferdegespann ausleihen zu wollen, um das bestellte Saatgut, den Dünger und einiges Baumaterial von der Agrar-Genossenschaft abzuholen. Liebend gern hätte ich ihn begleitet, aber leider rief mich die Schule.
Mein Vater hatte den Wagen bereits abgeladen und war nun dabei, die hintere Ladeklappe zu verschließen, rechts zu verriegeln und mit einem Haken zu arretieren. Als er nun das Gleiche auf der linken Seite vornehmen wollte, ertönte aus etwa 150 m Entfernung das Signal der Dampflokomotive über das freie Feld, um vor dem Überqueren der Bahngleise zu warnen. Das Pferd bäumte sich auf und das Gespann schoss wie eine Rakete los.
Der Bauer hatte gewarnt, dass es beißen, ausschlagen und scheuen würde. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob mein Vater den Bauern verstanden hatte, da er ja nahezu taub er. Jedenfalls hatte er das Signal der Dampflok garantiert nicht gehört.
Ich war auf dem Heimweg von der Schule und sah nun, wie Pferd und Wagen lärmend auf der abfälligen Straße auf mich zu rasten. Die Straße war unbefestigt und eingesäumt von Ahornbäumen. In Sekundenschnelle war die Straße gefegt, Kinder und Erwachsene schlugen sich in die Vorgärten und Hauseingänge. Als das Gespann noch 100 m entfernt war, breitete ich mitten auf der Straße stehend meine Arme aus, um dem Pferdegespann den Weg zu versperren.
Etwa fünf oder sechs Meter vor mir wechselte das Pferd vom Galopp in den Trab. Doch die Karre schob und das Pferd hob den Kopf über mich hinweg, um an mir vorbeizukommen. Ich aber konnte das Zaumzeug ergreifen und stemmte mich gegen den Pferdebug; dennoch schob es mich mehrere Schritte rückwärts.
Ich versuchte das Pferd zu beruhigen und zu besänftigen, glitt mit der Hand über seine Stirn und tätschelte den schweißtriefenden Hals. Es schnaufte mit aufgeblähten Nüstern und beruhigte sich nur allmählich. Dann stellte es sogar die Ohren nach vorn.
Als mein Vater eintraf, sagte er: "Mensch, Junge, da hätte ja Furchtbares passieren können." …..
Damals wusste ich darauf keine Antwort. Doch heute weiß sich, wenn ich bewusst gehandelt hätte, dann wäre auch ich in irgendeinem der Vorgärten verschwunden. Aber ich hatte nicht bewusst gehandelt, sondern nur mechanisch und intuitiv. Ich hatte mir selbst und dem Pferd vertraut.
In meinem Leben habe ich es oft so gehalten - erst gehandelt und dann nachgedacht. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung habe ich fünf Jahre in Kenia und zwei Jahre in Botswana gearbeitet. Ich habe der Stiftung vertraut und die Stiftung hat mir vertraut. Allerdings gab es auch ein gängiges Gerücht: "Wer keine Leiche im Keller hat, der wird bei der Stiftung nicht alt." Ich wurde bei der Stiftung nicht alt, aber noch immer habe ich keine Leiche im Keller.
Doch warum sollte ein verkommener Staat einen sauberen Präsidenten benötigen?
Von allen Präsidenten habe ich nur einen schätzen können: Gustav Heinemann - er war die Ausnahme, eben ein Bergmann.
Aber wenn der Gaul durchgeht, dann bedarf es immer noch denjenigen, der den Gaul auch wieder einfängt.






